Ein besonderer Wendepunkt markiert Eriks Leben: sein Dasein in freier Natur wird durch einen Unfall beendet, nach dem er in die Welt der Menschen „getragen“ wird. Dort entwickelt er sich ohne größere Probleme zu einem zivilisierten Menschen, dessen „unzivilisierte Vergangenheit“ in ihm eingekapselt wurde.
Unterbewusst ist diese Ebene weiterhin aktiv und drängt den Jungen in eine eigenbrödlerische Haltung. Sein Dasein wird unterbewußt immer mit dem Gefühl überschattet, in einer fremden Welt zu leben.
Die Grundidee entstand durch mehrere Diskussionen mit Freunden über unsere gesellschaftliche Entwicklung, verbunden mit einem scheinbar endlosen technischen Fortschritt. Dabei tauchte die Frage auf, ob denn ein Überleben ohne Technik überhaupt noch möglich ist. Natürlich ist diese Frage nicht neu und wird von jeder heranwachsenden Generation gestellt, denn in ihr liegt ein fundamentales Problem unserer Existenz auf der Suche nach Freiheit und Sicherheit. Über mehrere Monate hinweg beschäftigte mich dieses Thema. Ich beschloss, darüber eine Geschichte zu schreiben, um meinen Kopf erstmal davon frei zu bekommen. In dieser ersten Geschichte entscheidet sich ein junger Mann aus biederer Familie, so lange wie möglich fernab der Zivilisation im Wald zu leben.
Der Gedanke, daß ein wild lebender Junge einfach im Wald gefunden werden könnte, entflammte in mir das Thema von Neuem. Sein Weg wäre gepflastert mit den gleichen Problemen, sein Schicksal jedoch mystischer. Die resultierende Orientierungslosigkeit schien mir sinnbildlich für unsere Jugend.
Ende des Jahres erreichte mich die Nachricht, für ein Stipendium ausgewählt zu sein. Bedingung dafür war ein künstlerischer Arbeitsaufenthalt in Garbisdorf im Altenburger Land. Doreen Schweikowski unterstützte mich als Produktion und Aufnahme. Wir beschlossen freudig, das Stipendium anzunehmen und diese Chance zu nutzen. Beim Besuch der Förderer des Stipendiums vom Lindenau-Museeum in Altenburg fiel uns gleich auf, dass die Gegend einen wundervollen Charme hatte und als Drehort zu dem noch mit „Waldjunge“ betitelten Entwurf dienen konnte.
Inzwischen hatte sich ein Stapel Notizen angesammelt. Beim Schreiben des Drehbuchs konnte ich die Geschichte an die Umgebung vor Ort anpassen. Auch verarbeitete ich mehrere Passagen aus der ersten Geschichte, wie zum Beispiel die Pizzageschichte und Dana oder die Streitgespräche mit den Eltern. Das finale Skript entstand durch gute Kritiken enger Freunde.
Ein paar Wochen vor Drehbeginn bezogen Doreen und ich eine Pension in Garbisdorf, die später als Quartier für Crew und Schauspieler dienen sollte. Von da an hieß es ununterbrochen telefonieren, recherchieren, potentielle Drehorte suchen und Technik organisieren. Und das Alles bei 30°C im Schatten. Eine Woche vor Drehbeginn kam unser Kameramann Matthias Engmann hinzu und vertiefte sich in Kameratechnik und Motivsuche. Dass wir die Drehorganisation doch noch irgendwie packen konnten, hing vor allem an Doreens unbeirrten Arbeitseifer, aber auch an der tatkräftigen Unterstützung der Dorfgemeinschaft, die uns unter anderem mehrere Transport- und Filmfahrzeuge und ein komplettes Wohnhaus zu Verfügung stellte.
Erster Drehtag. Das Dorfzentrum, der Quellenhof, ein riesiger historisch restaurierter Vierseithof, diente als Dreh- und Angelpunkt für unser Vorhaben. Hier konnten wir Requisite und Gaderobe einrichten, essen, Technik lagern, uns sammeln und besprechen, proben und nach getaner Arbeit entspannen.
An diesem Tag sollten viele Outdoor-Szenen abgedreht werden, doch die Arbeit im Wald war schwerer als gedacht. Die Sonne brannte, Mücken gab es ohne Ende, die Technik drückte und die Konzentration ließ bald nach. Drei wichtige Szenen fehlten uns, als schließlich die Sonne und damit unsere Szenenbeleuchtung gegen 21 Uhr unterging. Zurück im Quellenhof gab es jede Menge zu tun, da neue Schauspieler hinzu kamen und deren Lager eingerichtet werden mußte. Als ich um drei Uhr ins Bett fiel, machte ich mir ernsthaft Sorgen, ob der Dreh überhaupt zu schaffen sei.
Die nächsten acht Tage verrannten im Fluge. Die Umstände brachten das gesammte Team an seine Leistungsgrenze, aber die Zusammenarbeit hätte nicht schöner sein können. Eric Bouwer als Erik spielte seine Rolle so glaubhaft, daß er uns alle damit motivierte. Milton Welsh als Vater brachte mit seiner sehr offenen und humorvollen Art immer gute Laune ans Set und Maria Schuster als Mutter der beiden Jungs sorgte mit ihrer ruhigen Art für eine sehr schöne Zusammenarbeit. Mit dem offenen, symatischen Michael Jassin als Frank haben die vier ein großartiges Zusammenspiel gezeigt.
Matthias Engmann, hinter der Kamera, musste ich ohne Vorschaumonitor vertrauen. Wir hatten uns im Vorfeld auf einen konkreten Look geeinigt, jedoch alle Szenen aufgelöst, ohne die entgültigen Drehorte zu kennen. So entstanden die Bilder oftmals spontan.
Kurz vor dem Dreh der Polizeisuchaktion begann es zu regnen wie aus Eimern. Wir waren mit der hiesigen Feuerwehr verabredet, die ihr Verspechen, uns zu unterstützen, auch einhielt. Wir zogen die sechs Einstellungen in drei Stunden durch. Alle arbeiteten trotz Dunkelheit und Regen unter vollem Einsatz mit, sodass sich unsere Schauspieler dem Szenario hingeben konnten.
Erster Drehtag mit unseren Kinder-Darstellern Paul Schröder und Maximilian Gärtner. Für mich war die Zusammenarbeit eine Herausforderung, da ich noch nie mit Kindern vor der Kamera gearbeitet hatte. Paul spielte seinen Part mit beeindruckendem Enthusiasmus. Schnell war klar, obwohl er nie vor einer Kamera gestanden hatte, kannte er keine Hemmungen. Die Rolle des jungen Erik war natürlich das Zünglein an der Waage für die Glaubwürdigkeit des Films. Bei ihm fiel es mir nicht so leicht, sein Vertauen und seine volle Konzentration zu bekommen, was wiederum bei einem Jungen in seinem Alter verständlich ist. Einerseits war sein Spiel immer gepaart mit etwas Trotzigem, gelegentlich wirkte er abgelenkt, andererseits waren die Eigenschaften seiner Figur gerade Orientierungslosigkeit, Abwesenheit und Misstrauen. Im Kontrast zu seinem offenen Filmbruder entfaltete sein Spiel so automatisch etwas Fremdes.
Letzte Klappe in Altenburg bei der Ehebett-Szene. Verdienter Applaus für Milton Welsh und Maria Schuster! Aber keine freie Minute, da die Studioszene in Weimar organisiert werden mußten. Trotzdem genossen wir die Abende um das Lagerfeuer am Quellenhof – ich war selten so erschöpft und glücklich zugleich.
Schließlich waren auch die Studio- und die Pizzaszenen im Kasten. Tags darauf nahmen wir in bei kaltem Regen und Wind die Unterwasserszene auf - wirklich unangenehm - aber dank Bademantel war Eric auch dafür bereit. Und damit hieß es diesmal wirklich DREHSCHLUSS.
Der erste Schnitt. Ich zeigte das Ergebnis mehreren Freunden und mußte feststellen, dass er beim Zuschauen überhaupt nicht funktionierte. Um den Film in eine Einheit zu bringen und die Bezüge zwischen dem jungen und älteren Erik klarer herauszustellen, entschied ich mich den ersten Teil mit dem jungen Erik als Rückblenden auf den zweiten Teil des Films aufzuteilen - und plötzlich ergab alles viel mehr Sinn. Die Erzählung beginnt mit Eriks Fragen und wir begleiten ihn auf der Suche nach sich selbst. Der Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart erzählt sich erst nach und nach.
Ende des Jahres hatte ich Tommy Feiler gebeten, die Musik für „Draußen“ zu komponieren und erklärte ihm nur grob Eriks Gefühl, nichts Konkretes. Darauf hin kam er, ohne den Film bis dahin gesehen zu haben, mit sechs Titeln wieder zurück, die ich alle ohne Änderungen in den zweiten Schnitt mit einfließen lassen konnte. Seine atmosphärische Musik aus verfremdeten, per Hand eingespieleten Gitarrenklängen und digital arrangierten Syntie-Sounds gab dem Film die endgültige Note.
Abschließend möchte ich mich zuerst bei den „Freunden und Förderern vom Lindenaustipendium“ für diese einmalige Möglichkeit, einen mittellangen Spielfilm drehen zu können, bedanken. Auch möchte ich mich für die Unterstützung der netten Menschen aus Garbisdorf und Göpfersdorf bedanken, die uns mit unserer Idee bei sich aufgenommen und uns bei allen Problemen immer tatkräftig unterstützt haben. Und natürlich möchte ich mich sowohl bei allen Schauspielern als auch beim gesamten Team bedanken, die den Wahnsinn mitgemacht haben. Die zwei Wochen Drehzeit bleiben mir als eine außergewöhnliche Zeit mit sehr vielen schönen Momenten, neuen Erfahrungen und einem Gefühl, etwas ganz Besonderes tun zu können, in Erinnerung.
Erfurt, April 2011.