Es war kurz bevor Doreen und ich in Kroatien im Urlaub unsere Pässe, Handys, Flugtickets, EC-Karten und all unser Bargeld verloren hatten. Sie war wie ein Geistesblitz, der mir durch den Kopf schoss: die Idee zu einem Semesterprojekt-Film.
Und als wir schließlich am selben Tag in einem kleinen Dorf an der Kroatischen Steilküste unsere wichtigste Reisetasche beim Trampen in einem LKW liegen ließen, konnte das die Freude an meinem zuvor gefundenen Gedanken nicht trüben. Ich war mir sicher, dass es die Richtige ist, nachdem ich tausende andere durchdacht hatte.
In einem McDonalds überredet ein Mann einen Anderen das Lokal zu überfallen. Diese kleine mögliche Geschichte erfüllte alle Voraussetzungen, die ich mir zuvor gestellt hatte: zwei Darsteller, ein Drehort, ein Konflikt. Die Eingrenzungen musste ich aus mehreren Gründen machen. Zum Einen, damit die Umsetzbarkeit im Rahmen eines Semesters blieb, zum Anderen hatte ich aus vorangegangenen Projekten gelernt, dass ein Kurzfilm eben ein Kurzfilm ist, und ein Übermaß an Handlung und Verschachtlung nur oberflächlich verarbeitet werden kann. Bei einem so einfachen Schema konnte ich den Plot frei entwickeln und hatte dabei genug Platz für Details. Der dritte und wichtigste Punkt war die Konzentration auf das Schauspiel: Meine Vorgaben verlangten gewollt den direkten permanenten Austausch zwischen den beiden Darstellen im Dialog, verbal wie auch nonverbal.
Bevor ich zur Ausarbeitung komme, möchte ich noch kurz auf alternative Ideen eingehen. Der Drehort hätte zum Beispiel ein Auto sein können, der eine Charakter ein Einzelgänger, der den Wagen fährt, der andere ein Landstreicher, der mitfahren möchte. Eigentlich sehr reizvoll, aber bereits zu oft benutzt, wie zum Beispiel in „Im Juli“ von Fatih Akin. Hier hätte zusätzlich folgender Aspekt gepasst: Es musste ein Raum sein, der die beiden aneinander bindet, damit sie sich miteinander und mit ihrem Konflikt auseinander setzen müssen. Die ganze Geschichte übertragen in einen Bus mit Busfahrer und Passagier hatte auch viel Potential, jedoch zweifelte ich an der Umsetzbarkeit. Es musste so einfach aber auch interessant wie möglich sein.
Ein paar Tage zuvor, als ich meine Foto-Kamera auf einem Friedhof in Šibenic liegen gelassen hatte, kam mir der Gedanke, diese könnte der Gegenstand meiner Erzählung sein, der Protagonist des Films. Die Geschichte einer Kamera, den Fotos, die sie gemacht hatte, die Orte und Menschen, die sie gesehen hatte, von der Geburt bis zu ihrem Tode. Immer noch würde ich die Geschichte gern umsetzen, aber gern in einem größeren Rahmen.
Der Gedanke des Überredens ist natürlich nicht neu. In vielen Filmen habe ich dieses dramaturgische Mittel gesehen um eine Erzählung einzuleiten, oder um einfach Spannung aufzubauen. Der Eine will, der Andere will nicht. Wie werden sie sich einigen? Warum will der Andere nicht. Wie wird der eine den Anderen überzeugen? Der Konflikt ist auf beiden Seiten vorhanden, passiv und aktiv können sich abwechseln, die Motivationen der Figuren sind klar. Ich wollte genau diesen Konflikt einmal selbst durchleben und schreiben. Es ist wie Schachspielen gegen sich selbst, wobei man zusätzlich die Position des unparteiischen Zuschauers einnimmt. Ich kenne die Strategien der beiden Parteien und muss diese gegeneinander aufbauen. Und das möglichst ohne dabei schizophren zu werden.
Gut, ich hatte den Kerngedanken, aber noch keine Entwicklung, keinen Anfang, kein Ende. Jetzt brauchte ich Material. Ich nenne diese Phase Reifungsprozess, weil man in den unmöglichsten Situationen auf kleine Ideen kommt, die man einbauen kann aber nicht muss. Ich habe in der Zeit nichts notiert, mein Gedächtnis war der Filter des Ganzen, denn gute Ideen bleiben hängen, schlechte Ideen fallen durch. Auch der Gedankenaustausch mit Freunden und Doreen war sehr wichtig für mich. Sie ermöglichten neue Perspektiven.
In meiner Reiselektüre in Kroatien befand sich „Drehbuchschreiben für Fernsehen und Film“ von Syd Field. Es ist für grundlegendste Grundlagen gut, es arbeitet die „unumstößliche“ Drehbuchstruktur durch. Und es erinnert einen an die wirklich wichtigen Punkte beim Schreiben. Neben einigen sinnvollen Hinweisen, wie das Sortieren von Sequenzen auf Karteikarten, der Frage nach der Weltanschauung der Figuren, oder der These ,man dürfe erst mit dem Schreiben beginnen, wenn man den Anfang und das Ende weiß’ halfen mir die aufgestellten Regeln, beim Arbeiten eine gedankliche Stütze zu haben, auf der ich aufbauen konnte. Der Workshop von Jürgen Seidler einige Semester zuvor ergänzte diese Grundstruktur. Er ist Autor der deutschen Drehbuchagentur ,Scripthouse’.
Durch ein anderes Projekt zuvor hatte ich viel Sorge um die Glaubwürdigkeit des Dialogs. Würden die Figuren wie aus dem echten Leben wirken? Funktioniert der Text? Wird es wie zusammengeschnitten aussehen? Die Lösung dafür, vorausgesetzt, man hat einen guten Text und gute Schauspieler, hoffte ich durch das Drehen mit zwei Kameras zu bekommen. Auf jeden der Darsteller eine. Somit hatte ich die Möglichkeit, den Schnitt im Nachhinein zu bestimmen, in Abhängigkeit der Bewegungen der Schauspieler. Auch konnten wir lange Passagen am Stück drehen, ohne Anschlussfehler zu riskieren, wie eine unterschiedlich lang abgebrannte Zigarette, oder unterschiedliche Körperhaltungen.
Ohne mir vorher Notizen zu machen fuhr ich nach Berlin, um mich dort zwei Stunden mit Michaela Beck zu Treffen, einer Drehbuchautorin, die zwei Semester zuvor an unserer Universität unterrichtet hatte. Sie nannte mir die Fragen, die ich mir von vornherein stellen musste: Wer sind die beiden? In welcher Beziehung stehen sie zueinander? Kennen sie sich, oder nicht? Oder kennt der eine den Anderen, aber der Andere erinnert sich nicht an den Einen? Warum braucht der eine das Geld? Und ganz wichtig: Was verbindet die Beiden miteinander und was nicht? Auf die Frage, wie beginne ich den Film, riet sie mir von einer Geschichte drum herum ab. Alles spielt im Lokal. Und ob denn der Überfall stattfinden sollte, müsste ich mir überlegen. An dieser Stelle wäre ein unvorhergesehenes Ende besser, möglicherweise zwei Polizisten, die unerwartet herein kommen und die getroffene Entscheidung annullieren. Diese beiden Punkte waren sehr wichtig für mich, um nicht auszuufern. Schnell wird man von den dramaturgischen Möglichkeiten übermannt und verliert den Blick für das Wesentliche.
Auf dem Weg durch Berlin bei Nacht lief ich breite Straßen entlang an Schaufenstern und Werbetafeln vorbei und dachte über Michaelas Ratschläge nach. Und mit einem Mal ist mir klar, der Grund für all das muss eine Wette sein, mit einem Dritten, der unvorhergesehen dazukommt. So banal und doch so spannend wie eine Wette. Die dritte Person am Rande gefiel mir, sie bot ein paar neue Möglichkeiten.
Vor allem aber, wer sind die Beiden? Bei einem Gespräch mit Christian Sturm, einem Kommilitonen, dachte ich über die Möglichkeit der Zusammenkunft zweier Brüder nach etlichen Jahren nach. Hier hätte ich aus der Beziehung zu meinem Bruder schöpfen können, verwarf aber die Situation wieder. Das war mir zu speziell. Oder ein Geisteskranker mit fantastischen rhetorischen Fähigkeiten gönnt sich einen Spaß mit einem arglosen Anderen. Wie auch immer, es gab zwei Punkte, die nicht einfach werden würden: die Überzeugungskraft des Einen und die Glaubwürdigkeit des Standpunktwechsels des Anderen. Bei letzterem half mir schließlich die Frage: Was verbindet die beiden?
Ich einigte mich darauf, dass die beiden sich nicht kennen sollten, setzte mich an meinen PC und fing an. Aber mehr als ein Deckblatt wurde nicht. Den gesamten Rest des Tages kam mir keine vernünftige Idee. Nichts. Die Nacht schlief ich schlecht, träumte immer wieder die Frage: Wie kommt der Eine an den Tisch des Anderen. Ein Spaziergang durch den Ilm-Park am nächsten Morgen bei Nebel und völliger Einsamkeit half. Plötzlich fingen die Beiden an zu sprechen. Glücklich kehrte ich zum Schreibtisch zurück und schrieb die ersten drei Seiten. Die Namen wählte ich rein nach ihrem Klang: Borowski als derjenige, der Neuhäuser überzeugt.
Nach ca. einer Woche war die nullte Fassung fertig. An dieser Stelle muss ich Herrn Field Recht geben, die erste Version ist meist völlig unbrauchbar, sie dient nur zum Festhalten der angesammelten Gedanken. An dem Punkt, an dem sich Neuhäuser entschließt, mitzumachen, musste ich mich für ein Ende entscheiden. Im Geiste ging ich alle Varianten durch, bis mir die Version mit dem versehentlichen Mord an Borowski am besten gefiel. Alles lief so zu einem Punkt zusammen: das Ende der Wette, die Auflösung, die Abmachung zwischen Neuhäuser und Borowski. Das Szenario wendet sich um 180° und Neuhäuser hat nun jede Menge Emotionen zu verarbeiten. Auch kann die dritte Person der Mann am Tresen sein, der ohnehin schon im Spiel ist.
Weitere vier Wochen vergingen bis zur endgültigen Fassung: die dritte Fassung vom 13. Dezember 2006. Sämtliche Kritiken von Freunden bemängelten fehlende Logik bei der Geschichte mit den Platzpatronen. Dort lag klar der Schwachpunkt der Geschichte. Also: wie kommt die scharfe Kugel ins Magazin mit den Platzpatronen, ohne dass der Zuschauer dies sofort mitbekommt, es aber im Nachhinein schlüssig wirkt? Ein subtiler Fehler von Borowski beim Laden der Waffe. Aber welcher? Es gab jede Menge Möglichkeiten, aber alle waren zu auffällig, oder waren für die Figur zu dumm. Die finale Lösung entstand im Gespräch mit dem Schauspieler Jan Sosniok, der mir eine Version anbot, die letztlich am besten funktionierte.
Michaela Beck konnte ich mit dem Ende nicht überzeugen. Ihr wäre eine Gegenüberstellung von Borowski und Neuhäuser lieber gewesen, denn so wäre ein Racheakt des alten Mannes besser umsetzbar gewesen. Das stimmt, jedoch ist die Situation wesentlich entschärfter, also auch die Reaktion Neuhäusers. Zudem hätte sich das Ende zu sehr in die Länge gezogen. Ich entschied mich, bei meiner Version zu bleiben. Sämtliche andere Probleme konnte ich durch Korrekturen von ihr, meinem Professor wie auch von Kommilitonen beheben.